Donnerstag, 11. Dezember 2008

Umgang mit Computern

Einmal mehr habe ich es gewagt und einmal mehr bin ich entsetzt.
Ein bis zwei Mal im Semester traue ich mich in so genannte BZQ-Veranstaltungen herein (für alle BA-Studenten, für die so etwas Pflichtprogramm ist und die nicht wissen, was das heißt: berufsbezogene Zusatzqualifikation).
Dabei kommen mir schleichend durch den Hintereingang oder kraftvoll durch die Scheibe geschossen immer wieder die gleichen Fragen ins Oberstübchen: Was sind das für Menschen um mich herum? Und wie gehen sie durch's Leben?!

Eben tat ich mir (es gehört vermutlich auch etwas Masochismus oder ein Übermaß an Optimismus dazu) ein Seminar an, dass darüber aufklären sollte, wie man E-Mail-Bewerbungen schreibt. Ich hab noch nie eine verschickt, sie machen sich in letzter Zeit relativ breit - es hätte ja sein können, dass es signifikante Unterschiede zu schriftlichen Bewerbungen gibt, die ich nicht kenne.
Nun... das Seminar brachte unter anderen folgende Erleuchtungen:
- Es ist ungünstig, Dateien als .doc zu verschicken, noch schlimmer ist es, wenn man "dieses neue Word" benutzt. Mehrere verschiedene Dateiformate sind auch doof.
- Es gibt so Dinge, damit kann man .pdf machen. .pdf ist gut.
- Man sollte bei Bewerbungsschreiben auf korrekte Rechtschreibung achten.
- Es ist möglich, beim Scannen die Auflösung zu verändern und ratsam, sie nicht allzu hoch einzustellen (weil: da werden die Dateien groß).
- Man kann in Word Bildchen einfügen.

Zum letzten Punkt gibt es auch eine feine Begebenheit zu erzählen. Der Dozent wollte uns - denn er hat "ja Informatik studiert" und ist unter anderem deswegen im Bezug auf E-Mail-Bewerbungen besonders kompetent - einen tollen Trick zeigen, wie man in Word Grafiken einfügen kann. Den hat er sich ganz allein ausgedacht und das ist gaaanz Spitze, weil die Bilder sonst "da links am Rand kleben". Man kann nämlich (Trommelwirbel) in Word nicht nur schreiben, sondern auch (immer noch Trommelwirbel) Textfelder einfügen (Applaus)! Das hat den Vorteil, dass man das mit der Maus frei herumschieben kann und so. Und in das Textfeld kann man nicht nur Sachen reinschreiben, nein "da kann man ein Bisschen schummeln", und zwar indem man da eine Grafik einfügt! (Standing Ovations!)
Zwischenfrage: "Ich hab das Textfeld jetzt so eingefügt, aber da ist jetzt so ein schwarzer Rahmen drum. Kann man den irgendwie wegmachen?"
Jaja, dann muss man nur noch den Rahmen entfernen und schon hat man ein prima Textfeld mit einer Grafik drin!

An dieser Stelle habe ich interveniert. Vorher konnte man das auch gar nicht, weil der Vortragende von seiner Entdeckung so begeistert war, dass er pausenlos erzählt hat.
K: "Man kann aber auch einfach die Grafik einfügen und ihr Layout verändern."
Dozent (ja, er war auch unter 30): "Wie, dann ist sie doch aber so links am Rand. Einfach in den Text rein? Sagen Sie mal, wie mache ich das?"
--- er fügt unter meiner Anweisung die Grafik ein und verändert das Layout entsprechend ---
Dozent: "Ja, also so können sie das auch machen. Das geht auch."

Ich bin zwar kein Informatiker und kein Grafikdesigner und nutze den PC dilettantisch als Anwender, aber: WTF?!
Es saßen Menschen neben mir, die einen akademischen Titel mit sich herumführen und heute Abend die Entdeckung gemacht haben, dass man mit Word auch andere Dinge tun kann, als nur Text tippen. Der Dozent, der (nochmal zum Auf-der-Zunge-zergehen-lassen) "ja Informatik studiert hat" wusste etwas nicht, das ich vermutlich in der 7. Klasse beim Word-Erkunden entdeckt habe und denkt sich irgendwelche Geheimtipps aus, die den Arbeitsaufwand verdoppeln und ein schlechteres Ergebnis erzielen. Diese führt er dann auch noch vor, zusammen mit Musterbewerbungen, an denen sogar ich auf den ersten Blick die eine oder andere inhaltliche und formale Unzulänglichkeit bemerke. Und das alles im universitären Rahmen! WTF?!

Man merkt es schon, ich bin bestürzt.
Deswegen höre ich jetzt auf, mich aufzuregen und nehme mir endgültig vor, in Zukunft solche und ähnliche Veranstaltungen zu meiden.

PS: Das alles erinntert mich an ein Seminar zu Web 2.0, das im letzten Semester stattfand und in dessen letzter Sitzung jemand fragte, ob man in einem Wiki "so Dinge einfügen kann, wo man dann klickt und dann kommt was Neues?"

Mittwoch, 3. Dezember 2008

3 Schwestern

Im Theater am Kurfürstendamm wird noch bis zum Ende der Woche Anton Tschechows "Drei Schwestern" aufgeführt.
In den Hauptrollen: Nicolette Krebitz, Katja Riemann und Jasmin Tabatabai, Regie führte Amina Gusner.
Die hauseigene Promotion zielt ganz auf die drei ,Ex-"Bandits"' und deren Prominenz. Auch das Programmheft verweist audrücklich auf die Zusammenarbeit der drei Schauspielerinnen in dem Film von 1997 (R.: Katja von Garnier) und auf den dabei entstandenen erfolgreichen Soundtrack.
So entsteht vorab eine verblüffend falsche Vorstellung davon, was auf der Bühne geboten wird, wodurch das Spektakel umso enttäuschender wird. Frei und wild, in lässigen Posen auf einem Auto inmitten einer sommerlichen Landschaft posieren die drei Damen auf dem Plakat. "Frei und wild" - ganz im Geiste von "Bandits" - vermittelt auch das Promotionvideo:



Immerhin bildet das Stück einen netten und aberwitzigen Ausschnitt Russlands ab, aber das ist wohl eher der Vorlage zuzuschreiben (von der ich gestehen muss, sie nicht gelesen zu haben). Was nicht auf Tschechows Kappe geht, ist die Kürzung und Aktualisierung, wie es heißt. Aus dem Baron ist ein typischer "Medienmensch" geworden, bei dem niemand wirklich weiß, was er denn genau macht. Aber das spielt auch keine Rolle, "irgendwas mit Medien", eben. Aus seinem Tod beim Duell wird ein Autounfall, was zwar auch zeitgemäßer ist, andererseits auch der Kürzung einiger Figuren verschuldet ist: Unter anderem der rivalisierende Liebhaber, der Tusenbach erschießt, ist in dieser Inszenieung nicht existent. Irina arbeitet im Call Center, damit auch jeder, der diese Art von Leiden kennt, sich mit der Figur auf der Bühne identifizieren kann (was immer das heißen mag).

Wie es sich für eine moderne und aufgeschlossene, aber nicht zu experimentelle Inszenierung gehört, gibt es fetzige Tanzsequenzen, laute Musik und Schreie. Es werden Schenkel gezeigt und obszöne Posen eingenommen, aber nicht zu viel, man will ja auch nicht übertreiben. Auch hie und da eingestreute kluge "Lebensweisheiten" und kecke Witze lassen kaum auf sich warten.

Die Schauspielerinnen mimen vor allem ihre Rollen in "Bandits", inwiefern diese zufällig mit denen in Tschechows Drama identisch sein mögen, kann ich nicht beurteilen. Das Ganze bleibt ein merkwürdiges, irgendwie intellektuell angehauchtes Geschehen auf der Bühne, das man als außenstehnder Zuschauer nicht recht nachvollziehen kann und mit einem Achselzucken und der Hoffnung, es sei Kunst und man würde es nur nicht verstehen, über sich ergehen lässt. Die Distanz zwischen Bühne und Publikum könnte auch an der frei einer Vorabendserie nachempfundenen Rhetorik liegen. Entsprechend ist auch das Gebaren nicht überzeugend, die Anspielungen auf "Bandits" nur für Fans interessant und trotzdem deplatziert. Dagegen hilft die "Star Power" genauso wenig wie gegen die um sich greifende Langeweile, die sich trotz aller Bemühungen schon zu Beginn breitmacht.

mehr dazu:
WELT online
FAZ.net
spiegel online