Dienstag, 4. November 2008

another dimension, with voyeuristic intention


Auch wenn die Plakate (und einige schlecht informierte Pressetexte) durch das Aufweisen der beiden Preview-Termine in die Irre führt, fand die Weltpremiere der unter Mitwirkung von Richard O'Brien neu inszenierten "Rocky Horror Show" natürlich zu Halloween statt. Da es einen Tag vorher noch die billigeren Karten gab, konnte ich dem Meister persönlich bei diesem Anlass leider nicht die Hand schütteln. Aber selbst die "Generalprobe" war eine umwerfende Show.
Seltsamerweise waren nur Wenige verkleidet, nur vereinzelte Gestalten (in zum Teil etwas deplatzierten Gewändern (frei nach dem Motto "Hauptsache weird")) waren anwesend und ein halbnackter Transvestit wurde nach der Pause mit Jubel begrüßt.
Die Handtaschen der abendlich gekleideten Besucherinnen wurden (mit mäßigem Erfolg) gleich an der Tür durchsucht, denn alles ess- & brennbare ist im Admiralspalast verboten. Die an manchen Stellen angebrachte Bemängelung des Toastverbotes ist dennoch unpassend, da die entsrepchende Stelle einer veränderten Inszenierung zum Opfer gefallen ist. Der Reis lässt sich immerhin einfach durch Konfetti ersetzen und nach den Wunderkerzen hat keiner gefragt, bis sie angezündet wurden. Das nutzten einige gewitzte Besucher, um das Sicherehitspersonal während der Vorstellung noch auf seine Kosten kommen zu lassen. Besonders nett war der Einsatz eine Reihe vor uns, wo der ohnehin schon kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehende Sicherheitsmensch hinhastete und in einer atemberaubenden Geschwindigkeit sämtliche Funkensprüher zum Erlöschen brachte.
In jedem Fall scheint das Premierepublikum etwas lustiger gewesen zu sein, das ältere Pärchen rechts neben mir hat zeitweise doch etwas verstört ausgesehen, z.B. als Rob Morton Fowler alias Frank'n'Furter uns sein Gesäß entgegenstreckte oder beim Applaus zum Trampeln und Mittanzen animierte...
Der einzige Mangel neben dem eingeschlafenen deutschen Mitt50er-Zwangskulturpublikum wäre vielleicht, dass die Show leicht overproduced wirkt (Maria Franzen kann einfach viel zu gut singen, um es bei "Science Fiction" mit Richard O'Brien aufnehmen zu können). Aber ob das ein Mangel ist, wäre eine Streitfrage.
Die Darsteller waren jedenfalls ausgesprochen souverän, die üblichen Versuche, die "Rocky Horror Picture Show" zu kopieren, ließen sich nicht blicken. Die Kostüme waren durchaus ansehnlich, die Haarfarben erfrischenderweise von denen der Filmdarsteller unterschieden. Rocky sah aus wie Hansel aus "Zoolander" (Owen Wilson), ließ sein aufgemaltes Sixpack aber schnell vergessen und blendete die vorderen Reihen mit einem erstaunlich debilen Gesichtsausdruck, wie es sich für Rocky eben gehört. Ein blonder Frank'n'Furter glänzte (abgesehen vom Glitter auf den Lippen und auf dem Kostüm) durch enormen Sexappeal und permanente Flirtlaune sowie allerbeste Bühnenpräsenz. Besonders hübsch (und nur eine von vielen guten Ideen) war die überdimensionierte King-Kong-Hand, die ihm bei seinem Auftritt in der "Floor Show" als Sessel diente (und natürlich das passende weiße Kleidchen + blonde Lockenperrücke)... Dummerweise klatschte das Publikum - und das scheint eine Volkskrankheit zu sein, denn darüber hat sich schon meine alte Musiklehrerin immer wieder wunderbar aufgeregt - nach jedem Song, womit das Ensemble jedoch gut umgehen konnte. Das essentielle "Whatever happened to Fay Wray?" ist dennoch untergegangen. Fraglich ist jedoch, ob diejenigen, die wie wild im Stück klatschen solche Anspielungen überhaupt verstehen, geschweige denn vermissen. Zum Taktklatschen am Ende will ich mich gar nicht erst äußern...
Das Verständnis sämtlicher Anspielungen wurde zudem erschwert, da erfreulicherweise nicht nur die Lieder, sondern das komplette Musical in englischer Sprache ist. Der etwas merkwürdig anmutende Martin Semmelrogge bildet das deutschsprachige Bindeglied zum Publikum und kommentiert das Geschehen. Außerdem verpatzt er ab und an seine Einsätze und erscheint zum Applaus in Strümpfen und High Heels, in denen ihm das Laufen Schwierigkeiten bereitet. Auch dazu kein Kommentar.

Trotz aller Meckereien meinerseits ist nicht nur das Stück, sondern auch die Inszenierung auf dem Plakat treffend beschrieben mit bad, bizarre and bloody brilliant!



Links:
net-tribune
orf
zisch (CH)
tagesspiegel
kulturkurier
ad hoc news
kurier (A)