Dienstag, 22. April 2008

Ein Disney-Film durch Hitlers Augen

21.12.1937, im Carthay Circle Theater in Hollywood präsentieren Walt Disney und seine Mitarbeiter das Ergebnis ihrer dreijährigen Arbeit: "Snow White and the Seven Dwarfs" (über Tolkiens Variante der Mehrzahl „dwarves“ sollte erst später gestritten werden) - den ersten abendfüllenden Animationsfilm, von dessen Erfolg bis zu seinem Eintreten wohl niemand außer Walt Disney überzeugt war. In Deutschland sollte der Film (vorerst aus finanziellen Gründen) nicht vor Oktober 1950 (bereits zum zweiten Mal synchronisiert) uraufgeführt werden.
Nach außen hin wollten die Nazis das deutsche Kulturgut nicht von Amerikanern fehlinterpretiert sehen, was sich auf Anweisung des „Ministers für Volksaufklärung und Propaganda“ auch in der Presse äußerte. Außerdem sei der Film viel zu gewalttätig (in Großbritannien nicht unter 16 Jahren freigegeben) und zu lang, so dass die grellen (!) Farben die Augen schädigten.
Hintergrund der schlechten Publicity war der missgönnte Erfolg des Amerikaners, dessen jüdischer zweiter Vorname so gut verschwiegen wurde, so dass ihn heute kaum noch jemand kennt. Ihre amerikanische Herkunft ist aus Nazi-Sicht auch der einzige "handfeste" Nachteil der frühen Disney-Filme. Goebbels und der gescheiterte Künstler Hitler selbst waren vermutlich große Bewunderer der Zeichenfilme und hätten nichts lieber getan als Vergleichbares (oder vielmehr Besseres) auf deutschem Boden zu produzieren. Zu diesem Zweck gründete Goebbels 1940 die "Deutsche Zeichenfilm GmbH", die Disneys Vorsprung an Erfahrung und Fähigkeiten dank des arischen Blutes schnellstens auf- und überholen sollte. Bis heute hat nur ein Film das lange nicht mehr existente Studio in Berlin verlassen.
Im Februar 1938 wurde eine Kopie des neuen Disney-Spielfilms für des "Führers" Privatkino angekauft. Etwa ein Jahr später lag die erste (und angeblich beste) deutsche Fassung vor, die sich spätestens ab 1940 auch im Reichsfilmarchiv befand. (1966 wurde der Film nochmal synchronisiert, die einzige heute zugängliche Fassung ist die 1994 für die VHS angefertigte.) Ab 1941 waren ausländische Filme im Reich verboten und durften ab 1942 nur mit persönlicher Genehmigung des „Ministers für Volksaufklärung und Propaganda“ aus dem Reichsfilmarchiv geliehen werden. Das heißt, die einzigen deutschen Kinos, die „Schneewittchen und die Sieben Zwerge“ vor 1950 zeigten, waren die Privatkinosäle der Nazi-Elite.
Offensichtlich hatte also zumindest Hitler Interesse daran, besagten Film zu sehen. Dieses soll hier untersucht werden, wobei ausdrücklich angemerkt sein soll, dass ich weder ihm eine sinnvolle Weltanschauung, noch Disney oder seinem Film nationalsozialistische oder antisemitistische Elemente unterstellen will. Die versuchte Interpretation des Filmes aus Hitlers Perspektive soll nicht etwa zeigen, dass die NS-Ideologie ihre Stereotypen von Disney bezieht oder umgekehrt, sondern dass beide sich auf etwas Drittes beziehen: die archetypische Vorstellung von Gut und Böse. Wenn die Nazis alles Übel der Welt auf eine Religionsgemeinschaft, die sie nicht nur zu einer "Rasse", sondern auch zu einer politischen Gruppe erklärten, projizieren, so weist natürlich auch alles andere das Böse Verkörpernde Parallelen zu dieser auf. Ebenso liegt allen (heute ebenso klischeehaft wirkenden) Darstellungen der traditionellen sittlichen Werte (d.h. „des Guten“) ein und derselbe Stereotyp zu Grunde.
Die folgende Darstellung versucht ausschließlich die Frage zu beantworten, wie Adolf Hitler „Schneewittchen und die Sieben Zwerge“ gesehen haben mag. Eine vollkommen gegenseitige Interpretation ist wohl ebenso möglich.

Zunächst scheint der verarbeitete Stoff, ein deutsches Volksmärchen (1812 von den Gebrüdern Grimm erschienen) bereits als solcher verlockend. Außerdem kannte man vor „Snow White and the Seven Dwarfs“ keine abendfüllenden Animationsfilme, der erste farbige Cartoon war gerade drei Jahre alt. Disneys beliebte Kurzfilme liefen in den Kinos als Teil des Programms um den Hauptfilm. Sie eröffneten Möglichkeiten, die der Realfilm nicht bot und zeigten eine phantastische, ungewohnte, bewegte Welt.
Es ist nicht verwunderlich, dass auch „der Führer“ nicht am sensationellen, maßstabsetzenden „Schneewittchen“-Film vorbeikam. Davon abgesehen gab es wohl auch andere Kriterien, die ihn zu einem seiner angeblichen Lieblingsfilme werden ließen, der Gerüchten zufolge noch im Bunker gezeigt wurde.

„Blut und Charakter [...] [sind] zwei verschiedene Worte für das gleiche Wesen“(A.Rosenberg)

Die antisemitische Weltanschauung des NS lässt sich in diesen Film perfekt hineininterpretieren. Dabei wäre Schneewittchen als die naturverbundene Vertreterin arischen Blutes zu deuten, die den Kampf gegen die Stiefmutter, die sich an ihrem "Wirt" parasitär bereichert, aufnimmt. Die Zwerge repräsentieren das schaffende Volk, das sich in die "natürliche Ordnung" einreiht und fleißig Dienst an der Gemeinschaft leistet. Alle Parteien verkörpern das im NS-Staat propagierte Ideal eines dem Charakter (d.h. dem Blut) entsprechenden Äußeren, wobei die wahre Gestalt der Stiefmutter die alte, hassenswerte Mörderin ist, die die vorherige "Verkleidung" der schönen Frau nutzt, um sich unter "das arische Volk" zu mischen.

Die im Märchen zu Beginn auftretende leibliche Mutter Schneewittchens (die sich seltsamereweise beim Anblick von Blut, Schnee und Holz ein Kind wünscht) ist Walt Disneys Schere zum Opfer gefallen. Das hat unter anderem zur Folge, dass der Zuschauer in eine verkehrte, vom Bösewicht dominierte Welt eintritt, in der die Unterdrückung durch die Stiefmutter an der Gestalt der Königstochter, die Lumpen trägt und Putzarbeiten ausführt, sichtbar wird. Ebenso fühlten sich die Nazis in einer von Mitgliedern der „jüdischen Weltverschwörung“ beherrschten Welt als die einzig Erleuchteten, die sich zur "Überwindung der kommunistischen Zersetzung"(Zitat aus: A.Hitler:"Aufruf der Reichsregierung an das deutsche Volk", 1.2.1933) berufen sahen. Die Stiefmutter ist zudem „fremden Blutes“ – wie „der Jude“, dessen einziges Ziel die "Zersetzung" und "Blutvergiftung" des "deutschen Volkes". Die Stiefmutter lebt parasitär bei einem so genannten "Wirt" und beneidet die Schönheit Schneewittchens, die zu übertreffen ihr selbst nach Rosenberg natürlich schon aufgrund ihres „nichtarischen Blutes“ und des damit einhergehenden verdorbenen Charakters nicht vergönnt ist. Nachdem sie sich also in Verkleidung in den „Organismus ihres Gastvolkes“ (Zitat aus: „Der ewige Jude“, 1940) eingeschlichen hat, beginnt sie mit der "Auspressung der deutschen Arbeitskraft"(Zitat aus: "Mein Kampf"), was in dem Falle durch Schneewittchen repräsentiert wird. Als sie sich von ihr bedroht fühlt (zumal die Königstochter gern zu arbeiten scheint, weil das "arische Blut" danach strebt, zu schaffen), soll sie sterben. Damit die Stiefmutter am Hof ihre "Maske des zivilisierten Europäers" (Zitat aus: "Der ewige Jude") bewahren kann, beauftragt sie einen Jäger mit dem Mord.

"Das Ziel der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein" ("Mein Kampf")

Die Gnade ihres Nicht-Mörders erlaubt es Schneewittchen, in eine Wald-Idylle zu fliehen, wo es – dank ihrer Verbündeten, der Tiere – Zuflucht im kleinen Häuschen der sieben Zwerge findet. Die über allem stehende „rassische Abstammung“ des Menschen galt auch für Tiere, so dass bestimmte Tierarten nationalsozialistischen Schutz genossen, während andere vernichtet werden sollten. Die Tiere, die sich um Schneewittchen und die Zwerge versammeln, bilden auch im Film den Gegenpol zu den beiden Geiern, die später die böse Königin im Wald begleiten und sich bezeichnenderweise zufrieden auf ihre Leiche stürzen, anstatt ihr zu Hilfe zu eilen.
Die Tätigkeiten, mit denen Schneewittchen sowohl zu Beginn im Schloss als auch im Zwergenhaus hauptsächlich beschäftigt ist, entsprechen dem, was Hitler an deutschen Frauen schätzen wollte: ihre Eignung zur Mutter. Kaum in der Hütte angekommen, beginnt sie, für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen, ohne zu wissen, wessen Haus sie überhaupt betreten hat. Gegenüber der Märchenvorlage (in der sie auch nur bei den Zwergen bleiben darf, wenn sie den Haushalt führt) wird ihre Mütterlichkeit im Film besonders betont. So belehrt sie die helfenden Tiere beim Putzen und Aufräumen und bringt die Zwerge dazu, sich ungewohnterweise vor dem Essen die Hände zu waschen. Außerdem findet sie im Märchen die Zwergenhütte nicht schmutzig und verwahrlost wie im Film, sondern "so zierlich und reinlich, daß es nicht zu sagen ist" vor. Da das Essen hier auch schon auf dem Tisch steht, bedient sie sich, anstatt wie im Film zu kochen.

schaffendes Kapital

Die Zwerge widersprechen auf den ersten Blick einer Positionierung auf „der guten Seite“ aus nationalsozialistischer Sicht, doch sind sie trotz ihres Kleinwuchses weder krank noch schwach und stellen fleißige Mitglieder der Gemeinschaft dar (was die Stiefmutter nicht ist). Sie arbeiten pflichtbewusst in einer Mine, wo sich gerade die geringe Körpergröße als nützlich erweist und singen dazu fröhliche Lieder:
„Wir ackern und wir plagen uns, denn das ist uns’re Pflicht!“
Die Zwerge stellen keine Fragen, verrichten ihre Arbeit, nehmen ihren Gast freundlich auf, leben in einem hierarchischen System (der Zwerg „Doc“ heißt in der deutschen Version „Chef“, wohingegen „Seppl“ als Jüngster immer wieder erzieherisch zurechtgewiesen wird), an dessen Spitze rasch Schneewittchen erscheint. Auch im Sinne des platonischen Staates erfüllen sie ihre Aufgabe, indem sie ihre Unterlegenheit (gegenüber der Königstochter) (an-)erkennen und sich in die daraus resultierende gesellschaftliche Stellung einordnen. Die Zwerge jodeln, singen und musizieren zur Unterhaltung ihres Gastes und zeigen „ausgeprägten Opfersinn“ (Zitat aus:„Mein Kampf“) nicht zuletzt, indem sie Schneewittchen auch im Sinne der Sitte ihr Schlafgemach überlassen.
Zudem erinnern sie an Hitlers Pläne für die Bevölkerung im Osten, die nur die "vierklassige Volksschule" besuchen soll, um "[...] Schreiben des Namens, [und] eine Lehre, daß es ein göttliches Gebot ist, dem Deutschen gehorsam zu sein und ehrlich, fleißig und brav zu sein" (Zitate aus: "Mein Kampf) zu lernen. Die sieben Zwerge erweisen sich durch ihr Verhalten und die Namensinschriften auf ihren Betten als in diesem Sinne "gebildet". Vielleicht sah Hitler in der Geschichte von der arischen Figur, die in der Wildnis Ordnung und Disziplin verbreitet sogar die "Eroberung des Raums im Osten".

Die Wiederkehr des Bösen

Schneewittchen wird in ihrer neugewonnenen Idylle bei der Hausarbeit lediglich von der als „arme, alte Bettlerin“ wiederkehrenden Königin gestört, die ihr – schwarz gekleidet und mit Hakennase versehen – vergiftete Ware verkaufen will. Die Hexerei, derer sie sich bedient, ist ein weiteres Element des stereotypen Bösen, das allerdings in der pseudo-wissenschaftlichen Nazi-Ideologie keinen Platz mehr fand. Mittels eines erlogenen Heilsversprechens wird die Stieftochter dazu gebracht, in den Apfel zu beißen, woraufhin die vermeintliche Mörderin in triumphierendes Gelächter verfällt. Der Vernichtungswahn der Königin erweist sich als Schneewittchen unermüdlich über sieben Berge verfolgend - es bedarf eben der tödlichen „Endlösung“, um die Gefahr zu bannen. Diese tritt ein, als die Stiefmutter von den Zwergen verfolgt wird und aufgrund einer Mischung aus Zufall und Eigenverschulden in einen Abgrund stürzt. Die Zwerge erweisen sich hierbei als hilfsbereit und tapfer, jedoch nicht als grausame Mörder und die Königin erhält dennoch ihre verdiente Strafe, quasi durch die Natur (d.h. die „Reinheit des Blutes“), gegen die sie zu handeln versucht. "Die ewige Natur rächt unerbittlich die Übertretung ihrer Gebote" (Zitat aus: "Mein Kampf"). Geschickt entfernt sich Disneys Variante vom frühneuzeitlichen Tod der Königin durch Folter (sie muss in glühenden Eisenschuhen "so lange tanzen, bis sie tot zur Erde" fällt).

Schluss

Als der (ausschließlich singende und damit an "Monty Python and the Holy Grail" erinnernde) Prinz auftaucht, lassen ihn die Zwerge – im Gegensatz zu Grimms Märchen, in dem sie das Mädchen zuerst nicht hergeben wollen – gemäß ihrer Rolle gewähren und die Totgeglaubte küssen. Disney umgeht an dieser Stelle die seltsame Erklärung der Märchenvorlage, der in Schneewittchens Rachen steckende „giftige Apfelgrütz“ sei durch das Stolpern eines Sargträgers wieder „aus dem Hals“ gefahren, indem er sich der romantischen Erlösung aus einem anderen Märchen, das erst 22 Jahre später Disney-Stoff werden sollte, bedient.
Nun kann der Königgsohn seine Braut auf sein Schloss nehmen, wo sie endgültig in die von der nationalsozialistischen Erziehung vorgesehene Mutterrolle schlüpfen kann. Im Film ist sich das Liebespaar vorher ein Mal begegnet, wobei Schneewittchen errötet davonrannte; im Vergleich zu Grimms Märchen, indem der Prinz sich in die Schönheit des vermeintlichen Leichnams verliebt, ist das ein Fortschritt. So paart sich jeder "nur mit einem Genossen der gleichen Art" (Zitat aus:"Mein Kampf") und die Zwerge werden mit ihrem neugewonnenen Sinn für Sauberkeit und Ordnung in den Wald zurückgelassen.

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